Krimi ohne Pointe

Das Telefon im Büro von Gerhard Schindler, Chef des Bundesnachrichtendienstes klingelt schrill. Er runzelt unwillig die Stirn, er wollte gleich nach Hause und das Telefon stand schon den ganzen Tag nicht still. Am Abend wollte er mit seiner Frau in die Oper gehen. Eine konservative Inszenierung, Entspannung nach harter Arbeit. Seufzend nimmt er den Hörer ab „Ja?“ „Ein Mr. Smith möchte Sie sprechen. Persönlich“ knarzt sein Assistent in das Telefon. Schindler schmunzelt ein wenig, dem amerikanischen Geheimdienst fällt auch nichts originelles ein. Smith. Und sein Assistent lässt sich davon einwickeln. Er seufzt „Stellen Sie durch“. Es klickt in der Leitung. „Smith?“

Der Anrufer legt ohne Begrüßung los: „Bei Ihnen wird ein Terroranschlag geplant“ kriecht eine ölige Stimme mit kaum wahrnehmbarem, amerikanischem Akzent durch die Leitung. „Herbert in der Breiten Straße 15 in H. baut eine Bombe in seinem Keller. Ein Einzeltäter, er will sie bei der Messeeröffnung zünden. Wir haben Beweise. Jetzt liegt es bei Ihnen.“ Der Anrufer legt auf. Schindler seufzt noch einmal. Diese Amerikaner…

Er ruft den örtlichen Polizeichef Waldemar Krempel in H. an. Dieser gibt die Information sofort an seine zwei fähigsten Mitarbeiter weiter, Komissarin Sabine Weiße-Weste und ihr Kollege Friedhelm Blitzmerker sammeln ein paar Kollegen um sich. „Ein geplanter Terroranschlag“ erläutert Weiße-Weste die Sachlage in der Einsatzbesprechung. „Gefahr im Verzug, keine Zeit für bürokratische Verrenkungen. Wir schlagen sofort zu.“ Ihr Kollege Blitzmerker hilft Ihr noch in die Weste, äh Jacke und mit fünf Streifenwagen fahren sie in die Breite Straße. Sie stürmen die Wohnung und brechen die Tür zum Keller auf. Hier finden sie Herbert, vertieft in den Bau seiner Bombe. Neben ihm liegen nicht nur die Baupläne, sondern auch Bestelllisten und die Ausdrucke der E-Mails von Freunden, denen er von seinen Plänen berichtet hat sowie ein Plan des Messegeländes und ein Ablaufplan der Eröffnungsfeier.

Weiße-Weste und Blitzmerker erstatten Krempel Bericht. Die Nachricht über die erfolgreiche Verhinderung des Terroranschlags erreicht Schindler in der Oper. Er liest die SMS während der Arie und grinst zufrieden in sich rein. Er muss Innenminister Friedrich informieren, aber das hat Zeit bis morgen.

Den nächsten Morgen beginnt Schindler mit einem Anruf beim amerikanischen Geheimdienst. „Smith, bitte.“ Er wird durchgestellt. „Alles erledigt, wir haben Herbert“ erstattet Schindler Bericht. „Jaja“ antwortet die ölige Stimme am anderen Ende „weiß ich längst“ und legt auf. Schindler wundert sich nur kurz, dann bricht er zu seinem Besuch bei Innenminister Friedrich auf. Er findet diesen in Gedanken versunken. Auf einem Schmierzettel sammelt Friedrich Stichpunkte für ein Interview. Er soll die Notwendigkeit der Vorratsdatenspeicherung darlegen. So richtig überzeugend klingt das alles nicht einmal für ihn, aber er wird es mit Nachdruck vortragen, dann glaubt man ihm schon. Den Bericht von Schindler hört er nur mit halbem Ohr und schreibt eine kurze Notiz: „BND: Terroranschlag in H. verhindert, Täter gefasst. Hinweis von den Amerikanern.“

Später am Tag, das Interview hat er so leidlich hinter sich gebracht, informiert er weitere zuständige Politiker. Frau Merkel trifft er in der Kantine des Bundestages. Sie ist ebenfalls abgelenkt, sucht sie doch nach weiteren Gründen, Griechenland unter Druck zu setzen, damit die deutschen Banken keinen Schaden nehmen. Mit einem abwesenden Nicken nimmt sie die knappen Informationen von Friedrich zur Kenntnis „Klar, die Amis, die wissen Bescheid“ murmelt sie und vergisst den Vorgang gleich wieder. Das politische Tagesgeschäft wartet. ENDE

So oder so ähnlich könnte es abgelaufen sein. Frau Merkel erklärt, sie habe zwar von nichts gewusst, aber die Daten von den Amerikanern, die brauchen wir ja, um Terroranschläge zu verhindern. Herr Friedrich hat ebenfalls nix gewusst, außer, dass durch Hinweise der Amerikaner nicht näher spezifizierte Terroranschläge in Deutschland vermutlich verhindert werden konnten. Herr Schindler möchte vor allem mehr Geld für Abhörmaßnahmen, möchte er doch genauso gut informiert sein, wie Smith.

Was meinem durch zahllose Tatort-Sendungen geschulten kriminalistischen Gespür dabei jedoch auffällt: Niemand, niemand, niemand, nicht Schindler, nicht Friedrich, nicht Merkel und offenbar auch nicht die ausführenden Organe wie Krempel, Weiße-Weste und Blitzmerker haben mal die Frage gestellt: „Was für Beweise eigentlich, was genau wissen die Amerikaner und woher, zum Teufel, wissen die das eigentlich???“ Jeder Tatort-Komissar würde eine Verschwörung wittern und den Fall hinter dem Fall aufzuklären versuchen, nur Weiße-Weste und Blitzmerker sind da offenbar genauso arglos wie Merkel und Co.

Würde mir das als Tatort, naja, besser als James-Bond-Film verkauft, würde ich wegen unglaubwürdiger Darstellung wegzappen. Nur unsere Politiker, die meinen, sie könnten uns wirklich dermaßen für dumm verkaufen…

Bild: © fotokalle – Fotolia.com

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