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„Die Schlecker-Frauen fordern eine Transfergesellschaft“ knarzte es gestern morgen nur Minuten nach dem Weckerklingeln aus dem Radio. Von Protesten der Schlecker-Frauen war die Rede, von der großen Enttäuschung der Schlecker-Frauen. Die Frage, die sich in meinem noch halbschlafenden Kopf dazu formte, war: wer hat sich denn das ausgedacht? Schlecker-Frauen? Bin ich die einzige, deren feministische Ader da zuckt?

Es sind Angestellte der Firma Schlecker, die die Straße gehen und Ihre Enttäuschung und ihre Angst ausdrücken. Eine große Zahl von Angestellten, die fürchten müssen, von einem Tag zum anderen ihren Arbeitsplatz zu verlieren und auf der Straße zu stehen. Sie protestieren, weil sie der Meinung sind, dass ihnen die Politiker zu wenig helfen, zu wenig Unterstützung bieten. Das ist ihr gutes Recht und dafür ist es völlig unerheblich, ob es sich um Frauen handelt, um Männer, oder um transsexuelle Eichhörnchen.

Es gibt keinen Grund, mit jedem Wort, mit jedem Bericht darauf hinzuweisen, dass es sich fast ausschließlich um Frauen handelt. Ich sehe nur einen Grund, warum es doch eine Rolle spielen kann: wenn man feststellt, dass es die Schlecker-Frauen sind, die ihren Job verlieren. Die haben ja hoffentlich zu einem großen Teil einen Mann. Stellt Euch vor, es wären lauter Schlecker-Männer, die ihre Familie ernähren müssen und plötzlich ohne Job auf der Straße stehen!

Diesen Gedanken dahinter zu vermuten ist absurd? Genau! Es ist egal! Es spielt keine Rolle ob es Frauen oder Männer sind, es sind Menschen, die jetzt auf der Straße stehen. Es ist der griffige Ausdruck, der dazu geführt hat, dass überall von den Schlecker-Frauen die Rede ist – das macht es aber nicht besser.

Frauen verdienen im Schnitt in den gleichen Jobs für jeden Euro, den ein Mann verdient, nur 80 Cent. Habe ich gestern gelesen, hat mich wieder einmal entsetzt. Wir haben noch viel zu tun, wir haben noch einen großen Berg vor uns, bis wir bei wirklicher Gleichbehandlung sind. Die Veränderungen passieren in den Köpfen, wo ein Gedanken den nächsten anstößt. Unsere Sprache ist dabei ein Punkt auf der Liste abzuarbeitender Baustellen. Ich bin kein Freund von „Bürgerinnen und Bürgern“, schon gar nicht von „InteressentInnen“, ich bin Bürger, Interessent, Pirat, Blogger, Leserin, Fußpflegerin, Wähler, Hundehalterin….. all das, mit und ohne „in“. Die Unterscheidung führt hier nicht zu mehr Gleichbehandlung, sie teilt uns in Männer und Frauen, wo das gar nicht nötig ist. Der Ausdruck Schlecker-Frauen reduziert die Not der Angestellten auf ein Frauenproblem. Ein Meilenstein auf dem Weg zur wirklichen Gleichbehandlung wäre es, wenn Fragen und Gedanken, wie ich sie hier stelle, nicht mehr zu der Reaktion „Bist Du aber empfindlich!“ führen, sondern dazu, dass wir über unbewusste und unbeabsichtigt sexistische Äußerungen nachdenken und reden.

Wir stilisieren das Thema zum Tabu. Als Frauen „stehen wir da doch drüber“. Wenn meine feministische Ader schmerzvoll zusammen zuckt, überspiele ich es mit einem Lachen und einem Spruch. Wir wollen nicht darüber reden, denn Gleichbehandlung, Gleichberechtigung und PostGender bedeuten auch, dass wir über solche Fragen längst hinweg sind und locker mit Sprüchen und sprachlichen Entgleisungen umgehen können. Ich sage: können wir nicht. Sie sind ein Indikator dafür, dass es in den Köpfen noch keine echte Gleichbehandlung gibt.

Tags: Feminismus

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