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Herr Wulff ist ein Thema, das hoffentlich bald endgültig abgeschlossen ist. Im Moment bewegt es die Gemüter aber noch. Monatelang hat er versucht uns mit Informationen in leicht verdaulichen Häppchen abzuspeisen und die unangenehme Geschichte mit stoischem Lächeln und dem verletzten Blick eines waidwunden Rehs auszusitzen. Erst als die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner Immunität beantragte, hat er sich entschlossen, zurück zu treten. Spät, meiner Meinung nach zu spät. Ein Politiker, gegen den wegen Bestechlichkeit ermittelt wird an der Spitze des Staates? Das war endgültig zu viel.

Trotzdem stehen immer noch viele Bürger zu und hinter ihm. „Aber als Präsident war er doch gut“ sagte eine Kundin zu mir. Wieso „aber“? Konnte der sich aufspalten? In den Teil „bestechlicher Ministerpräsident“ der abgekoppelt vom aufrichtigen Bundespräsidenten war? Er konnte repräsentieren und die richtigen Worte im richtigen Moment sagen, viel mehr muss ein Bundespräsident nicht können, er hat ja keine Regierungsverantwortung. Glaubwürdig vertreten konnte er die schönen Worte allerdings nicht mehr. Ohnehin schon ohne wirkliche politische Verantwortung war er dann nur noch eine Puppe auf dem Präsidentenstuhl.

„Das war doch nur eine Pressekampagne gegen ihn, eine fiese Hetzkampagne!“ meint eine andere Kundin. Ja, die Presse ist durchaus Grund und Auslöser für seinen Rücktritt. Mit seinem Anruf bei Herrn Diekmann hat er sie gegen sich aufgebracht. Ohne jeden Zweifel sind da aber sehr seltsame Sachen passiert: Kredite, Urlaube, Bar-Rückzahlungen…. hätte das lieber weiter verborgen bleiben sollen? Wir müssen uns schon entscheiden, ob wir eine freie Presse wollen oder nicht. Ich möchte sie frei, auch dann, wenn sie gelegentlich unangenehm wird. Gelegentlich konnte einem Herr Wulff dabei schon leid tun. Persönlich kann ich seine Verletztheit, seinen Schmerz und seine Wut durchaus nachvollziehen. Das ändert aber nichts daran, was er getan hat, und davon hätten wir ohne die intensiven Recherchen der Presse vermutlich nie etwas erfahren.

„Mal ehrlich, wir würden doch auch einen Urlaub annehmen, wenn wir ihn geschenkt bekommen würden!“. Das war ebenfalls ein Argument. Die Kundin hat ohne jeden Zweifel recht: wenn mir jemand einen Urlaub schenken würde, würde ich ihn vermutlich annehmen. Der Unterschied liegt in der zu erwartenden Gegenleistung. Was könnte ein Urlaubs-Verschenker von mir erwarten? Kostenlose Fußpflege? Ohja, kein Problem, da wäre ich dabei! Das könnte natürlich wieder das Finanzamt auf den Plan rufen: geldwerte Leistungen, unversteuert und so. Deshalb gleich die schlechte Nachricht hinterher: Liebes Finanzamt, zu meinem großen Bedauern hat mir noch nie jemand einen Urlaub geschenkt. Auch nicht gegen Gratis-Fußpflege. Das ist doch die wahre Schweinerei: warum bekommt der einen Urlaub und ich nicht? Ach, genau, weil ich keine großen Wirtschaftsprojekte durchwinken kann.

Schlimm ist nicht, dass Herr Wulff in den Urlaub gefahren ist. Schlimm ist, dass man davon ausgehen kann, dass er dafür eine Gegenleistung erbringen sollte. Der Geber erwartet, dass er als Gegenleistung bei dem Politiker ein offenes Ohr für seine Wünsche findet. Das wiederum bedeutet, dass ein Politiker, der dem Wohl des Volkes verpflichtet ist, denn von diesem ist er gewählt, mehr auf das Wohl einzelner Personen und einzelner wirtschaftlicher Unternehmen schauen wird, möglicherweise auch zum Schaden des Volkes, das ihn gewählt hat. Er verpflichtet sich der Wirtschaft mehr, als der Gesellschaft.

Kaum hatte Herr Wulff die letzten Worte seiner Rücktrittsrede gesprochen und sich auf den Weg zurück nach Hause, nach Großburgwedel begeben, folgte die unvermeidliche Nachfolge-Diskussion. Jeder wollte und konnte einen tollen möglichen Präsidenten beitragen. Da waren durchaus skurrile Vorschläge dabei. Möchten wir wirklich einen Kabarettisten als Bundespräsidenten? Wenn nicht, warum sollten wir ihn vorschlagen? Auch gut: Marion Käßmann als Bundespräsidentin. Begründung: sie hat bereits bewiesen, dass sie weiß, wann man von einem Amt zurück treten muss. Oh, prima, das ist ja ein tolles Qualitätsmerkmal für das höchste Amt im Staat: der Amtsinhaber weiß, wann er seinen Stuhl zu räumen hat.

Tags: Politik

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