{"id":742,"date":"2013-07-11T12:21:57","date_gmt":"2013-07-11T10:21:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alltagsdschungel.de\/?p=742"},"modified":"2018-05-17T21:53:55","modified_gmt":"2018-05-17T19:53:55","slug":"krimi-ohne-pointe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alltagsdschungel.de\/?p=742","title":{"rendered":"Krimi ohne Pointe"},"content":{"rendered":"<p>Das Telefon im B\u00fcro von Gerhard Schindler, Chef des Bundesnachrichtendienstes klingelt schrill. Er runzelt unwillig die Stirn, er wollte gleich nach Hause und das Telefon stand schon den ganzen Tag nicht still. Am Abend wollte er mit seiner Frau in die Oper gehen. Eine konservative Inszenierung, Entspannung nach harter Arbeit. Seufzend nimmt er den H\u00f6rer ab &#8222;Ja?&#8220; &#8222;Ein Mr. Smith m\u00f6chte Sie sprechen. Pers\u00f6nlich&#8220; knarzt sein Assistent in das Telefon. Schindler schmunzelt ein wenig, dem amerikanischen Geheimdienst f\u00e4llt auch nichts originelles ein. Smith. Und sein Assistent l\u00e4sst sich davon einwickeln. Er seufzt &#8222;Stellen Sie durch&#8220;. Es klickt in der Leitung. &#8222;Smith?&#8220;<\/p>\n<p>Der Anrufer legt ohne Begr\u00fc\u00dfung los: &#8222;Bei Ihnen wird ein Terroranschlag geplant&#8220; kriecht eine \u00f6lige Stimme mit kaum wahrnehmbarem, amerikanischem Akzent durch die Leitung. &#8222;Herbert in der Breiten Stra\u00dfe 15 in H. baut eine Bombe in seinem Keller. Ein Einzelt\u00e4ter, er will sie bei der Messeer\u00f6ffnung z\u00fcnden. Wir haben Beweise. Jetzt liegt es bei Ihnen.&#8220; Der Anrufer legt auf. Schindler seufzt noch einmal. Diese Amerikaner&#8230;<\/p>\n<p>Er ruft den \u00f6rtlichen Polizeichef Waldemar Krempel in H. an. Dieser gibt die Information sofort an seine zwei f\u00e4higsten Mitarbeiter weiter, Komissarin Sabine Wei\u00dfe-Weste und ihr Kollege Friedhelm Blitzmerker sammeln ein paar Kollegen um sich. &#8222;Ein geplanter Terroranschlag&#8220; erl\u00e4utert Wei\u00dfe-Weste die Sachlage in der Einsatzbesprechung. &#8222;Gefahr im Verzug, keine Zeit f\u00fcr b\u00fcrokratische Verrenkungen. Wir schlagen sofort zu.&#8220; Ihr Kollege Blitzmerker hilft Ihr noch in die Weste, \u00e4h Jacke und mit f\u00fcnf Streifenwagen fahren sie in die Breite Stra\u00dfe. Sie st\u00fcrmen die Wohnung und brechen die T\u00fcr zum Keller auf. Hier finden sie Herbert, vertieft in den Bau seiner Bombe. Neben ihm liegen nicht nur die Baupl\u00e4ne, sondern auch Bestelllisten und die Ausdrucke der E-Mails von Freunden, denen er von seinen Pl\u00e4nen berichtet hat sowie ein Plan des Messegel\u00e4ndes und ein Ablaufplan der Er\u00f6ffnungsfeier.<\/p>\n<p>Wei\u00dfe-Weste und Blitzmerker erstatten Krempel Bericht. Die Nachricht \u00fcber die erfolgreiche Verhinderung des Terroranschlags erreicht Schindler in der Oper. Er liest die SMS w\u00e4hrend der Arie und grinst zufrieden in sich rein. Er muss Innenminister Friedrich informieren, aber das hat Zeit bis morgen.<\/p>\n<p>Den n\u00e4chsten Morgen beginnt Schindler mit einem Anruf beim amerikanischen Geheimdienst. &#8222;Smith, bitte.&#8220; Er wird durchgestellt. &#8222;Alles erledigt, wir haben Herbert&#8220; erstattet Schindler Bericht. &#8222;Jaja&#8220; antwortet die \u00f6lige Stimme am anderen Ende &#8222;wei\u00df ich l\u00e4ngst&#8220; und legt auf. Schindler wundert sich nur kurz, dann bricht er zu seinem Besuch bei Innenminister Friedrich auf. Er findet diesen in Gedanken versunken. Auf einem Schmierzettel sammelt Friedrich Stichpunkte f\u00fcr ein Interview. Er soll die Notwendigkeit der Vorratsdatenspeicherung darlegen. So richtig \u00fcberzeugend klingt das alles nicht einmal f\u00fcr ihn, aber er wird es mit Nachdruck vortragen, dann glaubt man ihm schon. Den Bericht von Schindler h\u00f6rt er nur mit halbem Ohr und schreibt eine kurze Notiz: &#8222;BND: Terroranschlag in H. verhindert, T\u00e4ter gefasst. Hinweis von den Amerikanern.&#8220;<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Tag, das Interview hat er so leidlich hinter sich gebracht, informiert er weitere zust\u00e4ndige Politiker. Frau Merkel trifft er in der Kantine des Bundestages. Sie ist ebenfalls abgelenkt, sucht sie doch nach weiteren Gr\u00fcnden, Griechenland unter Druck zu setzen, damit die deutschen Banken keinen Schaden nehmen. Mit einem abwesenden Nicken nimmt sie die knappen Informationen von Friedrich zur Kenntnis &#8222;Klar, die Amis, die wissen Bescheid&#8220; murmelt sie und vergisst den Vorgang gleich wieder. Das politische Tagesgesch\u00e4ft wartet. ENDE<\/p>\n<p>So oder so \u00e4hnlich k\u00f6nnte es abgelaufen sein. Frau Merkel erkl\u00e4rt, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2013-07\/interview-zeit-merkel-nsa\">sie habe zwar von nichts gewusst<\/a>, aber die Daten von den Amerikanern, die brauchen wir ja, um Terroranschl\u00e4ge zu verhindern. Herr Friedrich hat ebenfalls nix gewusst, au\u00dfer, dass durch Hinweise der Amerikaner nicht n\u00e4her spezifizierte <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/us-reise-friedrich-verspricht-klartext-zu-spaehaffaere-a-910469.html\">Terroranschl\u00e4ge in Deutschland vermutlich verhindert<\/a> werden konnten. Herr Schindler m\u00f6chte vor allem <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/internet-ueberwachung-bnd-will-100-millionen-investieren-a-905938.html\">mehr Geld f\u00fcr Abh\u00f6rma\u00dfnahmen<\/a>, m\u00f6chte er doch genauso gut informiert sein, wie Smith.<\/p>\n<p>Was meinem durch zahllose Tatort-Sendungen geschulten kriminalistischen Gesp\u00fcr dabei jedoch auff\u00e4llt: Niemand, niemand, niemand, nicht Schindler, nicht Friedrich, nicht Merkel und offenbar auch nicht die ausf\u00fchrenden Organe wie Krempel, Wei\u00dfe-Weste und Blitzmerker haben mal die Frage gestellt: &#8222;Was f\u00fcr Beweise eigentlich, was genau wissen die Amerikaner und woher, zum Teufel, wissen die das eigentlich???&#8220; Jeder Tatort-Komissar w\u00fcrde eine Verschw\u00f6rung wittern und den Fall hinter dem Fall aufzukl\u00e4ren versuchen, nur Wei\u00dfe-Weste und Blitzmerker sind da offenbar genauso arglos wie Merkel und Co.<\/p>\n<p>W\u00fcrde mir das als Tatort, naja, besser als James-Bond-Film verkauft, w\u00fcrde ich wegen unglaubw\u00fcrdiger Darstellung wegzappen. Nur unsere Politiker, die meinen, sie k\u00f6nnten uns wirklich derma\u00dfen f\u00fcr dumm verkaufen&#8230;<\/p>\n<p>Bild:\u00a0\u00a9 fotokalle &#8211; Fotolia.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Telefon im B\u00fcro von Gerhard Schindler, Chef des Bundesnachrichtendienstes klingelt schrill. Er runzelt unwillig die Stirn, er wollte gleich nach Hause und das Telefon stand schon den ganzen Tag nicht still. Am Abend wollte er mit seiner Frau in die Oper gehen. 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