{"id":584,"date":"2013-01-30T20:40:58","date_gmt":"2013-01-30T19:40:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.alltagsdschungel.de\/wordpress\/?p=584"},"modified":"2013-01-30T21:38:35","modified_gmt":"2013-01-30T20:38:35","slug":"rant-gegen-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.alltagsdschungel.de\/?p=584","title":{"rendered":"Rant gegen die Presse"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Und?&#8220; fragte er schon beim Betreten meines Gesch\u00e4fts &#8222;was sagen Sie zur Wahl?&#8220;. Gleich darauf sa\u00df er auf meinem Behandlungsstuhl, reckte mir die nackten F\u00fc\u00dfe entgegen und legte los: &#8222;Unglaublich entt\u00e4uschendes Ergebnis! Das sind doch Themen, die alle angehen! Die haben das einfach nicht verstanden! &#8220; Zur Klarstellung: er redete nicht von den Piraten, er redete von der Rentnerpartei, pardon, inzwischen <a href=\"http:\/\/www.rrp-bund.de\/\" target=\"_blank\">B\u00fcndnis 21 &#8211; RRP<\/a>, f\u00fcr die er in den Wahlkampf gezogen ist und die mit 0,1 Prozent nur wenige Stimmen bei der Landtagswahl in Niedersachsen f\u00fcr sich gewinnen konnte.<\/p>\n<p>&#8222;Die Presse hat uns nicht unterst\u00fctzt, nicht positiv \u00fcber uns berichtet&#8220; klagte er &#8211; &#8222;Das ist auch nicht ihr Job&#8220; hatte ich schon gesagt, bevor mir klar wurde, dass ich mir den Schuh genauso anziehen muss, wie ihm (um mal bei den F\u00fc\u00dfen zu bleiben). Wie oft habe ich in den vergangenen Wochen und Monaten geh\u00f6rt und selbst gesagt, dass die Presse nicht angemessen \u00fcber uns berichtet. So viele tolle Inhalte, die wir zu vermitteln haben, so viele Aktionen, und \u00fcber was berichtet die Presse: Skand\u00e4lchen, Streitigkeiten im Vorstand, einzelne Querschl\u00e4ger innerhalb der Partei. Insgesamt aber eher wenig, fast musste man an das 1. Hagenb\u00e4umersche Gesetz denken: Hauptsache, der Name ist richtig geschrieben, wir konnten ja froh sein, wenn \u00fcberhaupt \u00fcber uns geschrieben wurde, und wir nicht in verschiedenen Berichterstattungen vollst\u00e4ndig au\u00dfen vor gelassen wurden.<\/p>\n<p>Dabei gab es eine Zeit, da wurde viel \u00fcber uns berichtet. Nach der Wahl in Berlin waren wir eine aufstrebende, junge Partei, wir waren interessant. Besonders interessant war dabei, dass wir Fehler gemacht haben, denn unser nicht perfektes Verhalten auch der Presse gegen\u00fcber war letztlich mehr Thema, als die Inhalte und Ziele unserer Politik. Berichtet wird das, von dem die Redakteure vermuten, dass es gerne gelesen, gesehen oder geh\u00f6rt wird, und das sind eben die Skandale und nicht die flei\u00dfige und kontinuierliche Parteiarbeit. Damit sind wir nicht alleine, das Schicksal teilen wir mit allen, \u00fcber die in der Presse berichtet wird: von jedem Star oder Sternchen wird positiv vielleicht gerade noch \u00fcber die Hochzeit oder das erste Kind berichtet (immer schon mit der Frage zwischen den Zeilen, wie lange diese Ehe wohl h\u00e4lt), wirklich Schlagzeilen machen jedoch Alkoholexzesse, Ausf\u00e4lle vor Publikum und krachende Misserfolge.<\/p>\n<p>Wir waren nat\u00fcrlich trotzdem geschmeichelt von der Aufmerksamkeit und bem\u00fcht, die Anspr\u00fcche der Presse zu erf\u00fcllen. Wir brauchen eine professionelle Pressearbeit, m\u00fcssen hier den Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen? Aber sicher, wir haben unsere Pressesprecher geschult, ihnen beigebracht, wie eine Pressemitteilung formuliert werden muss und wie man die Pressevertreter angemessen betreut. Wir haben Vorst\u00e4nden und Kandidaten erkl\u00e4rt, wie sie sich der Presse pr\u00e4sentieren und wir haben gelernt, uns so zu \u00e4u\u00dfern, wie man es von uns erwartete. Damit entfiel der erwartete Skandalfaktor und auch ein guter Teil der Aufmerksamkeit der Presse. Wir wollten damit zeigen, dass es uns um Inhalte geht, aber der Presse haben wir damit nicht mehr die erwarteten Bilder geliefert.<\/p>\n<p>Wir sind sogar noch weiter gegangen. \u201eDie haben doch gar kein Programm\u201c hie\u00df es. Immer wieder gern wiederholt, wer hat noch nicht am Infostand gestanden, das Programm in der Hand, und bekam diesen Satz zu h\u00f6ren? &#8222;Sagen die in der Presse immer&#8230;&#8220; Also haben wir uns daran gemacht, unser Programm zu erweitern. Weil es ja schnell gehen musste, haben wir das in alle Richtungen gleichzeitig gemacht. Wir haben keinen Standpunkt zum Euro, k\u00f6nnen zur Wirtschaftspolitik nichts sagen? Doch, jetzt schon. Aber egal, wie sehr wir unser Programm erweitert haben, es gab und gibt immer noch Bereiche, in denen haben wir kein Programm, dazu gibt es noch kein offizielles Statement. Wenn wir zum Euro etwas sagen k\u00f6nnen, dann werden wir eben nach dem Einsatz von deutschen Soldaten in Afghanistan gefragt und wenn wir auch dazu einen Standpunkt haben, dann eben zu den Vorkommnissen in Syrien. Es findet sich etwas, wozu wir nichts sagen k\u00f6nnen, und die Schlussfolgerung ist klar: kein Programm!<\/p>\n<p>Was wir verloren haben, bei dem Versuch, es allen und vor Allem der Presse recht zu machen, das ist der Wiedererkennungswert, die klaren Grunds\u00e4tze. Wir haben jetzt zu ganz vielen Themen etwas zu sagen, aber viele unserer Punkte findet man auch in anderen Programmen. Wir werden gefragt, wof\u00fcr wir stehen, und fangen an aufzuz\u00e4hlen: B\u00fcrgerbeteiligung, Transparenz, St\u00e4rkung der B\u00fcrgerrechte, soziale Teilhabe, nachhaltige Umweltpolitik und noch viel mehr. Wenn ich an die gro\u00dfen und bekannten Parteien denke, dann f\u00e4llt mir zu jeder Partei ein einzelnes ganz klares Merkmal ein: Gr\u00fcne? Die mit der Umwelt! &#8211; SPD? Arbeiterpartei! &#8211; Linke? Links! &#8211; CDU? Ok, lassen wir das&#8230;<\/p>\n<p>Piraten? Die mit dem Internet? Das w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit, aber nur das wollen wir nicht sein. B\u00fcrgerrechtspartei? Gut, aber woran ist das erkennbar? In Programmparteitagen erweitern wir unser Programm. Wir diskutieren \u00fcber Programmantr\u00e4ge, stimmen zu oder lehnen ab, wir nehmen immer neue Programmpunkte auf und verk\u00fcnden hinterher zufrieden, wir h\u00e4tten unser politisches Profil gesch\u00e4rft. Scharf ist etwas aber nicht, wenn es endlos verbreitert und ausgeweitet wurde. Scharf ist ein Programm nur dann, wenn es genau auf den Punkt kommt, nicht erweitert wurde, sondern verfeinert. Ich habe gar nichts dagegen, dass unser Programm gr\u00f6\u00dfer wird, umfassender. Aber wir brauchen klare Punkte, an denen wir wiedererkennbar sind, die die Menschen nur mit uns in Verbindung bringen und uns ganz klar zuordnen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass wir zur Bundestagswahl mit h\u00f6chstens f\u00fcnf ganz knappen und sprachlich zugespitzten Thesen in den Wahlkampf ziehen. F\u00fcnf Schlaglichter, die man nur mit uns in Verbindung bringt. Teilweise haben wir diese schon, wir m\u00fcssen sie nur noch etwas verfeinern, ich denke da etwa an \u201e1984 war nicht als Anleitung gedacht\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWenn die Presse dann schon mal berichtet, dann auch noch falsch\u201c lautet der n\u00e4chste Sto\u00dfseufzer. Da planen wir eine tolle Aktion zum fahrscheinlosen Nahverkehr, versammeln viele Piraten und statten sie mit blauen Westen und Flyern aus, der BuVo kommt zum Helfen und auch die Presse ist zahlreich vertreten, wir freuen uns \u00fcber die Aufsehen erregende Aktion und dann? \u201ePiraten fahren schwarz\u201c geistert tagelang durch die Presse. Was ist passiert? Fahrscheinlos bedeutet nicht kostenlos, das ist uns allen nat\u00fcrlich klar. Wir wollen nicht alle zu Schwarzfahrern machen, wir fordern einen umlagefinanzierten \u00d6PNV \u2013 nur leider ist das bei der Presse und der \u00d6ffentlichkeit offenbar nicht so angekommen, wie wir es uns gedacht haben. Sicherlich eine unserer Schwachstellen: nur, weil es f\u00fcr uns ganz klar ist, ist es das f\u00fcr alle anderen nicht. Nicht die Presse war zu doof, wir haben es nicht gut genug erkl\u00e4rt. Lektion gelernt: beim n\u00e4chsten Mal m\u00fcssen wir genauer darauf achten, was wir erkl\u00e4ren und welches Bild wir dabei vermitteln.<\/p>\n<p>Viel wichtiger als das Presseecho ist aber letztendlich: die meisten von uns sind bei den Piraten, um Politik zu machen, nicht um die Presse zu bespa\u00dfen. Der machen wir es ohnehin am ehesten Recht, wenn wir Skandale produzieren und uns gegenseitig zerfleischen. Aber mal ehrlich: wann haben wir das letzte Mal einen positiven Bericht \u00fcber die thematische Arbeit der SPD gelesen? Auch da sind Personalquerelen viel interessanter. Was wir vermitteln m\u00f6chten, was wir unter das Volk bringen wollen, das k\u00f6nnen wir auch ohne die Presse schaffen. Wir sind doch die mit diesem Internet-Dingens. Wir sind die, die bloggen, twittern, netzwerken. Wir sollten die sein, die es auch dann schaffen, Themen gro\u00df zu kriegen, wenn die Presse sie nicht verbreiten will. Wenn wir unsere Themen wichtig genug machen, dann kommt die Presse von alleine. Lasst uns unsere Spielregeln festlegen, unsere eigenen Wege finden, die Presse kommt dann schon nach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Und?&#8220; fragte er schon beim Betreten meines Gesch\u00e4fts &#8222;was sagen Sie zur Wahl?&#8220;. Gleich darauf sa\u00df er auf meinem Behandlungsstuhl, reckte mir die nackten F\u00fc\u00dfe entgegen und legte los: &#8222;Unglaublich entt\u00e4uschendes Ergebnis! Das sind doch Themen, die alle angehen! 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